„Flüchtlingshilfe Tango Berlin“: Die Willkommensinitiative in den Räumen des ISTA

09.11.2015

Das Angebot in der Muskauer Straße wird von Beginn an rege genutzt. PROCEDO-Berlin sprach mit den Organisatorinnen Ina und Linda Hillmann über Entstehung und Ziele der Initiative.

 Berlins Tango-Community aktiv

Als Ende August immer mehr Geflüchtete in Berlin eintrafen und die Lage vor dem LaGeSo (dem Landesamt für Gesellschaft und Soziales in Berlin Moabit, vor dem die Geflüchteten auf einen Termin zur Registrierung warten) dramatisch zu werden begann, trat die Initiative Moabit Hilft an zwei lokale Tangoschulen heran mit der Bitte, den Menschen einen Schlafplatz in ihren Tanzsälen zu gewähren. Mit einem Aufruf über Facebook wurden daraufhin von mehreren hundert UnterstützerInnen aus Berlins Tango-Community innerhalb einer Woche Matratzen und Decken organisiert. Dazu wurde ein Dienstplan für mindestens 3 Personen als Nachtwache aufgestellt, die Abholung vom LaGeSo von Montag bis Freitag mit Hilfe eines ehrenamtlichen Dolmetschers sowie ein kleines Frühstücksbuffet für bis zu 30 Geflüchtete auf die Beine gestellt. Die gemütlichen Schlafplätze erfreuten sich großer Beliebtheit, schwierig wurde es jedoch für die ehrenamtlichen HelferInnen, wenn die Geflüchteten an den Wochenenden, wenn die Tanzsäle gebraucht wurden und das LaGeSo geschlossen war, ohne einen Zufluchtsort sich selbst überlassen werden mussten. So kam die Idee auf, eine Wochenendbetreuung zu organisieren.

Warum Freizeitangebote am Wochenende?

„Es entstand der Wunsch, den Menschen einen Raum zu bieten, wo sie den Stress ihrer Situation eine Weile vergessen und einem geschützten Umfeld einfach eine schöne Zeit verbringen können“, berichtet Ina Hillmann. Ihre Tochter Linda, studentische Mitarbeiterin beim ISTA, fand dort gleich die geeigneten Räumlichkeiten und Petra Wagner, Leiterin des ISTA, sagte sofort ihre Unterstützung zu. Die freundlichen Seminarräume, die große Küche und der schöne Hinterhof der Muskauer Straße 53 eignen sich ideal für das Zusammentreffen einer großen Gruppe und bieten vielseitige Nutzungsmöglichkeiten.

In Kooperation mit der frisch entstandenen Notunterkunft in der Jahnsporthalle in Neukölln begann man mit dem neuen Projekt „Wochenendbetreuung“. Für die 180 Menschen, die dort zurzeit untergekommen sind, besteht seit 19. September das Angebot, an den Wochenenden tagsüber in den Räumen des ISTA ihre Freizeit zu verbringen. Zwei Ehrenamtliche holen diejenigen, die den Weg noch nicht selber kennen, in der Unterkunft ab. Für die Fahrt werden BVG-Tickets bereitgestellt.

Viele neue und alte Gesichter

„Das Interesse war von Anfang an sehr groß. Wir haben die Zahl der Gäste auf 30 pro Tag begrenzt, weil wir eine persönliche, vertraute Atmosphäre schaffen wollen zur Erholung von der Betriebsamkeit in der Turnhalle. Manchmal müssen wir deswegen Gäste auf einen anderen Tag vertrösten. Inzwischen ist es so, dass ein großer Teil unserer Gäste regelmäßig kommt. Es gesellen sich aber auch immer wieder neue Gesichter dazu“, erklärt Ina Hillmann.

In den Räumen des ISTA gibt es von 10:30 bis 17:30 Uhr verschiedenste Freizeitangebote. Beliebt sind die Sportmöglichkeiten im Hof: Fußball, Federball und Tischtennis werden vor allem von den jungen Männern und Kindern ausgiebig gespielt. In den Räumen stellt das ISTA mehrere Laptops zur freien Nutzung bereit – für die Kontaktaufnahme der Familien in den Herkunftsländern genauso wie für Spiele im Internet. Eine Spielzeugecke wird vorwiegend von den kleineren Kindern genutzt. Es gibt Materialien für den grundlegenden Deutschunterricht und immer wieder gesellt sich eine kleine Gruppe um eine ehrenamtliche LehrerIn.

Sinnvolle Angebote ohne Verpflichtung

„In der Notunterkunft findet ein Minimum an Deutschunterricht statt; die Woche aber vergeht mit dem täglichen Warten vor dem LaGeSo auf die Zuteilung der Registrierungsnummer für einen Termin. Bis zu dem Interview vergehen dann meistens noch weitere drei Monate“, erläutert Linda Hillmann. „Bei uns gibt es kein verpflichtendes Programm; wir wollen Angebote schaffen, damit die Menschen ihre Zeit sinnvoll verbringen und sich begegnen können. So entstehen persönliche Kontakte, mit denen Einzelnen gezielt geholfen werden kann – zum Beispiel einen Arztbesuch zu organisieren, ein WG-Zimmer oder einen Platz im Fußballverein zu finden.“

Die derzeitigen Gäste der Muskauer Straße 53 kommen aus Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien, Eritrea und dem Kosovo. „Die Gruppen aus den verschiedenen Herkunftsländern mischen sich normalerweise kaum. Grund dafür sind zum Teil Sprachbarrieren, aber auch religiöse Differenzen und nicht zuletzt eine Hierarchie, die durch die unterschiedlichen Einwanderungsbestimmungen erzeugt wird. Beim gemeinsamen Fußballspiel können die jungen Männer zwanglos zusammenkommen.“

Zentraler Ort: die Küche

Zentral an jedem Wochenende ist das gemeinsame Essen. Um den großen Küchentisch gesellen sich vorwiegend die Frauen. „Reis und Fleisch gehen am besten. Es macht auch Spaß, gemeinsam einen Salat zu schnippeln.“ Eine Gruppe von syrischen Familien hat auch schon selber gekocht. Das regelmäßige Einkaufen und Kochen für so viele Menschen überfordert jedoch die Ehrenamtlichen. Deshalb wird jetzt die Zusammenarbeit mit einem Hotel oder Cateringservice gesucht. Procedo-Berlin beteiligt sich an den Kosten für Lebensmittel und BVG-Karten. „An jedem Tag des Wochenendes sind in zwei Schichten jeweils sechs ehrenamtliche HelferInnen anwesend. Weitere HelferInnen sind jederzeit willkommen!“

Musik, Tanz und Film

Einen großen Stellenwert für die Geflohenen aus allen Herkunftsländern haben Musik und Tanz.  Immer wieder wird in der Küche spontan gesungen und musiziert. Linda Hillmann freut sich schon auf das nächste Wochenende: „Als nächstes werden wir gemeinsame Kino-Nachmittage veranstalten. Die Leidenschaft für Bollywoodfilme ist etwas, das die meisten Geflüchteten verbindet. Selbst ich kann manche Lieder schon mitsingen.“

Für das ISTA sind die Wochenendbegegnungen bisher ein großer Erfolg. Marcel Kochert, Institutsassistent, ist jedes Mal mit dabei. „Bisher lief alles reibungslos. Wir freuen uns, dass wir praktischen Beistand leisten können.“ Über die Wochenendfreizeiten hinaus ist das ISTA beim Berliner Bündnis Willkommen KONKRET aktiv, das den Forumstag am 24. November in Moabit organisiert. Beim ISTA werden derzeit außerdem Fortbildungsseminare zum Thema Flucht konzipiert.


Linda Hillmann studiert Bildungswissenschaften an der FU Berlin und ist seit März 2015 studentische Mitarbeiterin im Bereich Fortbildungen bei ISTA.

Ina Hillmann ist Tangotänzerin und Mediendesignerin.


Die Wochenendbegegnungen stehen Gästen offen:

Wo: ISTA, Muskauer Straße 53, 10997 Berlin

Wann: Samstags und sonntags zwischen 10.00 und 17:30 Uhr

Kontakt:

Facebook-Gruppe der Tango-Community

Notunterkunft Jahn Sporthalle Berlin Neukölln

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