Das ESF-Programm „Quereinstieg – Männer und Frauen in Kitas“

22.02.2016

Mit dem Programm „Quereinstieg – Männer und Frauen in Kitas“ fördert der Europäische Sozialfonds Modellprojekte, die für Berufswechsler eine berufsbegleitende, erwachsenengerechte Ausbildung zur staatlich anerkannten ErzieherIn anbieten. Bis 2020 werden drei Jahrgänge im Rahmen dieses Bundesmodellprogramms in der Pro Inklusio-Fachschule die Ausbildung absolvieren.

Kurz vor Beginn des Programmstarts sprach Christina Cassim mit Urte Unrasch, seit Herbst 2015 Gesamtkoordinatorin für das ESF-Modellprojekt bei PROCEDO-Berlin.

Welche Ziele verfolgt das Programm „Quereinstieg – Männer und Frauen in Kitas“?

Trotz vielfacher Bemühungen herrscht im Erziehungsbereich noch immer Fachkräftemangel. Das Programm „Quereinstieg“ ist im Prinzip eine Weiterentwicklung des erfolgreichen Vorgängerprogramms „Mehr Männer in Kitas“. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es durchaus Menschen gibt, die sich in der Mitte ihres Berufslebens für einen Wechsel in den Erzieherberuf entscheiden. Für diese Zielgruppe muss es aber besondere Ausbildungsbedingungen geben, die das fortgeschrittene Lebensalter, die beruflichen Vorerfahrungen und die familiäre und ökonomische Situation der Quereinsteiger berücksichtigen.

Geht es dem Programm in erster Linie um die quantitative Neugewinnung von ErzieherInnen oder ist man originär an der Zielgruppe der Quereinsteiger interessiert?

Das ist sicher beides. Man hat mit der Gruppe der Quereinsteiger sehr gute Erfahrungen gemacht. Wenn sich jemand mit jahrelanger Berufserfahrung für den ErzieherInnen-Beruf entscheidet, so ist das sicher ein ganz bewusster Schritt. Den Jugendhilfeträgern ist außerdem daran gelegen, den Altersdurchschnitt ihrer Mitarbeiter im mittleren Bereich aufzufüllen. Vor allem aber bereichern Quereinsteiger mit ihren vielfachen Vorerfahrungen ganz wesentlich das pädagogische Umfeld. Nach langjähriger Berufstätigkeit kann eine Person natürlich Aktivitäten anbieten, die sich aus seiner Profession ableiten, aber auch generell mit viel Souveränität auftreten. Es besteht ja ein Interesse daran, dass sich die gesellschaftliche Vielfalt in der Betreuungssituation widerspiegelt.

Welche Berufsgruppen bewerben sich vorwiegend auf das Programm?

Das ist ganz unterschiedlich. Gerade die männlichen Bewerber kommen oft aus dem Handwerk. Dann gibt es viele aus kaufmännischen Berufen, dem Einzelhandel, aber auch überraschend viele mit einem akademischen Abschluss. Leider darf das Programm keine Bewerber berücksichtigen, die bereits pädagogische Vorerfahrung oder in Sozialberufen gearbeitet haben. Ein Sozialassistent, der eine Erzieherausbildung machen möchte, kann folglich nicht teilnehmen, was natürlich schade ist. Als Ausbildungsplätze sind zudem bisher lediglich Kitas und Horte zugelassen; eine Praxisstelle wie z.B. in der Flüchtlingshilfe ist wiederum nicht möglich im Rahmen des Programms.

Denny Dres, im ersten Beruf Gas-Wasser-Installateur, ist Erzieher bei SOCIUS an der Richard-Wagner-Grundschule in Berlin Karlshorst. Seine Handwerker- und Hausmeister-AG erledigt  „Arbeitsaufträge“ auf dem Schulgelände: hier der professionelle Anstrich eines Schuppens.

Ein Anliegen des Quereinsteiger-Programms ist immer noch die Gewinnung von Männern für den Erzieherberuf?

Das ist richtig. Im Antrag musste explizit erläutert werden, welchen Anteil an männlichen Studierenden die Fachschule bisher hat und wie das Thema Geschlechtersensibilität im Curriculum verankert ist. Auch die Kooperationspartner mussten im Antrag darstellen, wie sie ihre Männerquote erhöhen wollen. Pro Inklusio hat traditionell bereits einen sehr hohen Anteil an männlichen Studierenden, nämlich zuletzt 36%.  Obwohl sich in dieser Hinsicht schon viel getan hat, gibt es in einigen Einrichtungen immer noch erstaunlich wenig männliche Erzieher. Berlin ist in dieser Hinsicht fortschrittlich. Hier wurde wegen des Fachkräftemangels schon vor Jahren die berufsbegleitende Ausbildung eingeführt. Im übrigen Bundesgebiet ist eine schulische Vollzeitausbildung die Regel, von der sich vor allem junge Frauen direkt im Anschluss an einen mittleren oder höheren Schulabschluss angesprochen fühlen.

Man hat mit Männern im Erzieherberuf also gute Erfahrungen gemacht?

Bei den Kindern sind männliche Erzieher ohnehin beliebt. In Schule und Kita dominiert weibliches Personal nach wie vor, da ist diese andere Energie eine gefragte Abwechslung. Berührungsängste gibt es eher von Seiten der Eltern, vor allem in Krippe und Kleinkindbetreuung. Da begegnen männliche Erzieher oft großem Misstrauen und sind vielen Vorurteilen ausgesetzt. Nicht nur im Negativen: Wenn sich ein Mann im Kita-Kontext zeigt, wird er häufig für den Leiter gehalten. Diese Vorbehalte abzubauen, ist ein Ziel des Programms. Denn Gleichberechtigung in der Kinderbetreuung lässt sich nur dadurch erzielen, dass männliche Kräfte zur Normalität werden. Die erste Klasse im Quereinsteiger-Programm besteht folglich zur Hälfte aus Männern.

Welche praktischen Vorteile bietet das Quereinsteiger-Programm den TeilnehmerInnen?

Der große Vorteil besteht vor allem in der Vergütung. Die Auszubildenden erhalten ein Einstellungsgehalt gemäß dem eines Berufsanfängers, das entspricht mindestens 1250,- Euro Arbeitgeber-Brutto. Das  Schulgeld wird ebenfalls aus dem Programm finanziert. Auch die Ausbildungsbegleitung ist sehr intensiv. Von Seiten der kooperierenden Träger werden den Auszubildenden MentorInnen an die Seite gestellt, die sie in der Praxis unterstützen. Vonseiten der  Pro Inklusio-Fachschule gibt es eine verantwortliche Koordinatorin, meine Kollegin Sonja Wolfrum, die die Studierenden vor Ort begleitet und im engen Kontakt mit der Ausbildungsleitung und den MentorInnen dafür Sorge trägt, dass sich das, was in der Praxis relevant ist, auch im Unterrichtskontext wiederfindet.

Die Pro Inklusio-Fachschule legt ja immer schon großen Wert auf individuelle Lernformen. Worin bestehen nun die besonderen Chancen und Herausforderungen bei der Teilnahme am ESF-Programm?

Die Verzahnung von schulischer Ausbildung und Praxis in enger Kooperation mit den Trägern, die Pro Inklusio auszeichnet, kann mit dem ESF-Programm noch einmal vertieft und optimiert werden. Für PROCEDO war das das entscheidende Motiv für die Teilnahme. Die Fachschule wird in diesem Jahr fünf Jahre alt und hat viele Lernprozesse durchlaufen. Es gibt einen großen Erfahrungsschatz beim erwachsenengerechten Unterrichten von heterogenen Lerngruppen, die sich aus Menschen mit unterschiedlichsten Voraussetzungen, Herkünften, Vorbildungen und Lebenssituationen zusammensetzen.  Nach der mühevollen Startphase wird das Programm hoffentlich Gelegenheit dazu bieten, diese Erfahrungen zu analysieren, zu evaluieren, zu dokumentieren und in den Ausbildungsplan und dem Curriculum zu verankern. Querschnittsthemen wie Gender-Gleichstellung, Sprachentwicklung und interkulturelle Bildung sollen vermehrt ins Curriculum eingearbeitet werden. Die praktische Umsetzung der Fokusthemen Inklusion und Vorurteilsfreie Bildung und Erziehung soll im Alltag der ErzieherInnen noch stärker gefördert werden. Diese Entwicklungen kommen dann natürlich allen Studierenden zugute.

Der Unterricht für die herkömmliche Klasse und die Studierenden im Quereinsteiger-Programm ist also nicht unterschiedlich?

Auf keinen Fall in den Ausbildungsinhalten. Eine Schwierigkeit für Pro Inklusio liegt in den strengen Vorgaben des Programms, das nicht erlaubt, die TeilnehmerInnen in den Klassen zu mischen. Es gibt somit eine reine Klasse von 23 berufsfremden Quereinsteigern. In der zweiten Klasse, deren Ausbildung im Februar turnusmäßig startet, beginnen all diejenigen, die die Voraussetzungen für das Quereinsteiger-Programm nicht erfüllen. Im Grunde starten damit zwei homogenere Gruppen, als das üblicherweise der Fall wäre. Für einen Menschen, der vielleicht zum letzten Mal vor 15 Jahren ein Lehrbuch in der Hand gehabt oder ein Referat gehalten hat, muss natürlich ein adäquates Lernumfeld geschaffen werden. Da die Quereinsteiger keine pädagogische Vorerfahrung haben dürfen, stellt sich ihnen die größte Herausforderung in der Praxis, wo ihre fachliche Kompetenz aus dem Vorberuf eine untergeordnete Rolle spielt und sie sich pädagogische Kompetenz erst erarbeiten müssen.

Welche Rolle kommt den Kooperationspartnern im ESF-Programm zu?

PROCEDO hat den Projektantrag gemeinsam mit bestehenden Kooperationspartnern gestellt. Gerade in der Startphase ist der Koordinationsaufwand für alle enorm hoch. Mit dem Programm gehen erhebliche Verpflichtungen einher, die für alle nicht immer einfach umzusetzen waren. PROCEDO konnte für das Quereinstiegs-Programm glücklicherweise zwei neue Kooperationspartner gewinnen. Das Programm ist zum Beispiel sehr abrechnungsintensiv und nicht einfach in der Nachweisführung. Auch ist es mitunter schwierig, ErzieherInnen zu finden, die die Rolle der MentorInnen übernehmen, aus Angst vor noch mehr Arbeit. Diese Extra-Aufgabe ist nur  zu einem kleinen Teil durch den Betreuungsschlüssel abgedeckt und damit für die Träger logistisch schwierig zu bewerkstelligen. Die Ausbildung der Quereinsteiger bzw. die Ausbildung generell bedeutet also immer erst mal einen Mehraufwand. Der Vorteil für die Träger ist natürlich, dass sie in der engen Zusammenarbeit mit der Fachschule auf die Ausbildungsinhalte einwirken, das Personal selber entwickeln und passgenau für ihr Unternehmen ausbilden können.

Seid Ihr mit anderen teilnehmenden Fachschulen über das Programm im Austausch?

Die Koordinierungsstelle Quereinstieg hat die Aufgabe, die Projektträger zu vernetzen. Es gibt vier Projektträger in Berlin und bundesweit sind es 13. Vergangenen Oktober hat man sich zu einer Auftaktveranstaltung getroffen und Ende Februar gibt es ein nächstes Treffen in Köln, bei dem wir selbstverständlich auch dabei sind. Wie viel Gestaltungs- und Entwicklungsspielraum die Rahmenbedingungen über die Jahre noch zulassen, ist mir selbst noch nicht ganz klar, das wird sich zeigen. Ich bin gespannt auf das Feedback der übrigen Träger.

Was ist Dein Ausblick für den Semesterstart?

Vor allem freue ich mich, dass die StudentInnen nun da sind und es losgehen kann. In den vergangenen zweieinhalb Monaten waren wir ja vorwiegend mit dem bürokratischen Rahmen zwischen Trägern, Behörden und Schulleitung befasst. In Zukunft werde ich dann auch inhaltlich involviert sein. Meine Aufgabe besteht darin sicherzustellen, dass die Ziele, die wir uns gesetzt haben, auch umgesetzt und eingehalten werden.

Urte Unrasch war in den vergangenen Jahren bei SOCIUS – die Bildungspartner für die Koordination von schulischem Ganztag und Sozialarbeit zuständig.
Frau Unrasch ist Dipl.-Sozialpädagogin / Sozialarbeiterin und Mediatorin und neben ihrer Funktion als Gesamtkoordinatorin des ESF-Programms „Quereinstieg – Männer und Frauen in Kitas“ in der betrieblichen Sozialberatung für PROCEDO-Berlin tätig.

toggle bipanav